Die »wilden« und doch durchdachten Bilder Sighard Gilles in der Galerie Kunst am Gendarmenmarkt

Sighard Gille in der Galerie Kunst am Gendarmenmarkt. V. o. n. u., Spring-time, New York Midtown, Deichbruch und Mathilde preussisch blau

Foto: Peter Michael Dinter  Galerie am Gendarmenmarkt

Die »wilden« und doch durchdachten Bilder Sighard Gilles in der Galerie Kunst am Gendarmenmarkt

 

Er gehört der zweiten Künstlergeneration an, die Mitte der 1960er Jahre in Leipzig antrat und den Ruf dieser Stadt in Sachen Malerei und Grafik mit prägte. Als Schüler des Altmeisters Bernhard Heisig, beeinflusst von der Neuen Sachlichkeit und dem Expressionismus, mit kritisch-ironischer Aufmerksamkeit dem Alltag begegnend, entwickelte Sighard Gille neue Formen des Realismus. Die Beziehungen der Menschen suchte er als Formbeziehungen sichtbar zu machen - und das führte ihn zu neuartigen Bildlösungen. Eine impulsiv schreibende Malerei, so könnte man meinen, aber er muss sie auch »bauen, bis sich was entwickelt in diesem Leinwand-Geviert«. Er erprobte neue Techniken, strich die Leinwand mit Eitempera ein und malte in die noch nasse Farbe mit Öl hinein. »In der Farbe habe ich die Gegenständlichkeit versteckt, die ich ja nie verlieren wollte und nie aufgegeben habe«, sagt der Künstler und hebt unter dem Gelb, Karmin, Purpur, Pink besonders die »vielen Gelbvarianten zum Blau« hervor.

Die Galerie Kunst am Gendarmenmarkt hat Gille nach Berlin geholt und zeigt von ihm Figurenbilder, Akte, Köpfe (es sind keine Porträts), Landschaften aus der Leipziger Umgebung und der Havelgegend, aber auch ein Stadtbild »New York, Midtown« (Öl, Collage), ein Diagramm von jener Kraft und Ordnung, die man unter dem täglichen Chaos dieser Metropole erkennen kann. Aus körnigen Strukturen entstehen die ersten Andeutungen formal sich ordnender Gestaltbezüge, aus denen Figürliches - der menschliche Körper - oder Landschaftliches hervorgehen. Mitunter erweitert sich die Bildfläche zum Relief, lässt flächenhafte Formelemente, die gemalt begonnen wurden, plastisch enden.

Die Farbfläche wird verletzt, überstrichen, neu aufgebrochen, es entstehen Schicksalbilder, wie alte Mauern ihr Schicksal haben. Eine neue Gegenständlichkeit entsteht. Mitunter setzt Gille, wie in »New York, Midtown«, Raster, Kunststoffteile als Realität in seine Bilder ein und bindet sie durch eine körnig strukturierte Umgebung so in die Fläche, dass diese objets trouvés völlig im Bild absorbiert und nicht mehr als Fremdkörper im Bild wahrgenommen werden.

Wie geisterhaft, zumindest aber vexierbildhaft tauchen die gegenständlichen Motive auf. Solche Vexierbilder, die sich das Auge aus nebelhaften Formeln, aus den Farben und Formen zusammensucht, sind eine aus der Psychoanalyse bekannte Erscheinung. Bei Gille verhält es sich aber genau umgekehrt: Gegenständliches und Physiognomiehaftes werden vom Künstler in den gegenstandslosen Formenablauf impliziert. Dabei sind solche scheinbar halluzinatorischen Figurenbilder, die wie Erinnerungsbilder anmuten, immer nach dem Modell - ein und demselben Modell - entstanden. Wie absichtslos tauchen die Gestalten aus dem Amorphen auf, sie sind voller Einfälle, voller Geschichte, ein Element wächst aus dem anderen heraus.

Seine Figuren, seine nackten, in schwellenden Formen bewegten Körper baut er in einen engen Bühnenkasten ein und rückt sie übernah an das Auge des Betrachters. Dadurch ergeben sich divergierende, voneinander unabhängige Blickpunkte auf einzeln zu sehende Bildelemente, welche jedoch durch lineare Bezüge zu einem übergeordneten Raumkontinuum verbunden werden.

Für Gille gibt es keine strikte Trennung zwischen dem gegenständlichen und dem ungegenständlichen Bereich, für beide entwickelt er eine Sprache von unerhörter Sensibilität. Es gelingt ihm, die organische Linie, die den menschlichen Körper umgrenzt, und die ihren eignen Weg verfolgende Linie auf einem einzigen Bild zusammenzufügen. Wie die Materialteile, die er als objets trouvés seinem Bild einfügt, so erscheint ihm auch das Bild der Frau als ein objet trouvé, als das wiedergefundene Menschenbild, und er bindet es in der Fläche ein. Es sind die Körper, die mit ihren Gesten den Bildraum schaffen.

»Es ist schon aufregend, Haut zu malen. Sie kann zur Landschaft werden«, sagt Gille. Auch die Natur biete ständig erotische und sexuelle Formen an. Die Landschaft scheint mit unendlich vielen Zeichen die Leinwand fast zu zersprengen und die Blau-, Fliedergrau-, Weiß- und Silbertöne werden genauso beredt wie die Farben seiner Bilder. Höhe, Weite und Tiefe sind die Phänomene, die der Künstler auf eine Ebene übertragen muss, um sich vor der Unendlichkeit des Raumes zu schützen.

Die Gestaltung aus der Materie heraus bedeutet, dass das Ungeformte bis ins letzte Detail durchformt sein muss, gemäß der Logik seiner materiellen Gesetzlichkeit. Überall ist die Farbe in Aktion, nirgends aber wird eine unbestimmte, ungestaltete Farbe geduldet. Nur so kann das Bild gleichnishaften Charakter gewinnen, der die ihm innewohnende Kraft veranschaulicht.

 

Bis 17. Juli, Galerie Kunst am Gendarmenmarkt, Mohrenstr. 30, Eingang Markgrafenstraße, Mitte

Wiederentdeckte Moderne

Malerei expressiver Gegenständlichkeit in der Galerie am Gendarmenmarkt

·         Von Klaus Hammer, N.D. 5/5/2018

 

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Josef Steiner: Sitzende Frau im Bikini (Öl auf Leinwand)

Foto: Galerie am Gendarmenmarkt

 

Von Klaus Hammer

 

Der Begriff »expressive Gegenständlichkeit« stammt von dem Kunstantiquar und Sammler Gerhard Schneider, der eine der bedeutendsten Sammlungen unbekannter, verschollener Künstler aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zusammengetragen hat. Es handelt sich hier vor allem um in der Nazizeit verfemte und durch die Zeitumstände vergessene Künstler. Im Kunstmuseum Solingen hat ein Teil dieser Sammlung einen festen Standort gefunden.

Um Künstler dieser »expressiven Gegenständlichkeit« geht es auch dem Galeristen Peter Michael Dinter wenn er noch bis Ende Mai unter dem Sammelbegriff »Expressiver Realismus« Künstler der zweiten Expressionisten-Generation zeigt. Um die Jahrhundertwende geboren, suchten sie in der Vielfalt der Positionen in der Malerei der 1920er Jahre ihren eigenen Ausdrucksstil. Sie hatten während der Nazizeit zwischen Rückzug, Emigration und Widerstand zu wählen.

 

 

Um nur einige Beispiele zu nennen: Carl Rabus, dessen expressive Formensprache an Werke der Brücke-Künstler - vor allem an Max Pechstein - erinnert, erlebte Flucht, Internierung in Südfrankreich, Haft in Wien. Er lebte nach dem Krieg in Brüssel und ließ sich 1974 in Murnau nieder. Josef Steiner galt in der Nazizeit als »entartet«, er erhielt Malverbot und war einige Zeit im KZ inhaftiert. Nach 1945 konnte er seine künstlerische Tätigkeit in München fortsetzen.

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Wenn man Charles Crodels Wandmalereien in Bad Lauchstädt und in Halle (Saale) wurden von den Nazis zerstört, zahlreiche seiner malerischen Werke der entarteten Kunst zugerechnet und vernichtet. Wenn man ihn der verschollenen Generation und dem Expressiven Realismus zurechnen will, dann muss man auch in Betracht ziehen, dass Crodel zugleich in den großen Kunstzentren Berlin, Frankfurt am Main, Hamburg und München mit seinem architekturgebundenen Werk äußerst wirksam gewesen war. Und was ist mit der im vergangenen Jahr 90-jährig verstorbenen Vera Singer? Sie war 1933 mit den Eltern nach Frankreich, 1942 in die Schweiz emigriert. 1945 nach Deutschland zurückgekehrt, konnte sie sich erst in den 1970er Jahren wieder intensiver der Malerei widmen.

Was haben ihre Bilder, die sich durch Detailgenauigkeit und klassisch strengen Bildaufbau auszeichnen, mit dem expressiven Realismus zu tun? Bei vielen Künstlern ist zudem der Übergang von gegenständlich zu ungegenständlich fließend, etwa bei Carl Rabus.

Wenn es auch nicht einfach ist, für die expressiv-gegenständlichen Künstler einen sie vereinenden Begriff zu finden, ist es doch äußerst verdienstvoll, zum großen Teil völlig unbekannte Werke dieser Künstler ausfindig zu machen und zusammenzutragen. Dabei können nicht nur die Künstlerbiografien, sondern die Bilder selbst über ihre Schicksale erzählen. Viele sind undatiert, sodass man sie zeitlich schwer zuordnen kann.

Zu sehen sind Landschaften, existenzielle Gleichnisse, Varieté, Theater und Maskerade, Stillleben, Figurendarstellungen, Aktmodellposen - ohne malerische Delikatesse gemalt -, hier werden bildliche Suggestionen geschaffen, die sich mit der sicht- und spürbaren Wirklichkeit auseinandersetzen. Was sie miteinander verbinden könnte, ist der spontane, temperamentvolle, unreflektierte und ungehemmte Ausdruck, dem die erste Konzeption, die Skizze wichtiger sein soll als das ausgewogene, vollendete Werk. Das Bildgerüst wird nicht so sehr von der Zeichnung getragen, sondern von der farbigen Form, die selber Zeichen ist.

In den Landschaften von Fritz Tennigkeit und Carl Rabus werden Formgenauigkeit, zeichnerische Präzision geopfert, damit die Farbe losgelöst zur Wirkung kommen kann, als »Losgelöstes« der Gegenstandslosigkeit entgegentreibt. Es ist die Aufzeichnung des einen Augenblicks, der immer dieser eine Augenblick bleibt.

Und doch sind die Landschaften der Gegenständlich-Expressiven eine Antwort auf romantische Naturbilder, wie die Aktbilder eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn der Sexualität sind. Josef Steiner und Ottmar Siegbert haben die Form des weiblichen Körpers fast puristisch - mit einer schon neusachlichen »Härte« - ins Bild gebracht. Die den Vordergrund sprengende Figur der »Sitzenden Frau im Bikini« ist von Steiner in ein Bildformat eingespannt, das sie trotz der Dimensionalität an der Entfaltung hindert. Ulrich Knispels wunderbarer »Liegender Akt« zeigt eine Träumende, deren Phantasmagorien bildhaft werden. Ja, die Expressiven öffnen sich auch dem magischen Realismus, der mit dem Surrealismus hinter der Wirklichkeit eine überwirkliche Erfahrung sucht. So kommt auch Adolf Klingshirn aus dem magischen Dingbild zu einem Stillleben, Raum und körperhafte Form werden durch die Wirkung und Gegenwirkung der Farbe erreicht.

Noch immer gilt das Wort von Walter Benjamin: »Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.« Wobei die hier ausgestellten Werke zwar weitgehend unbekannt sind, doch ihre Maler keineswegs zu den Namenlosen zählen.

 

»Expressiver Realismus. Verfemte Kunst im 20. Jahrhundert«, bis zum 22. Mai in der Galerie Kunst am Gendarmenmarkt, Mohrenstraße 30, Mitte

 

 

 

Rezension zur Ausstellung Willibrord Haas in N. D. von Prof. Hammer am 19.8.2017

 

 

 

 

 

 

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